Reisebericht Wae Rebo: Der Weg, das Dorf und die Nacht in den Bergen
Ursprüngliche Reise: 2018. Anreise, Kosten, Besuchsregeln, Übernachtung und lokale Organisation bitte vor der Reise aktuell prüfen.
Wae Rebo: aktuelle Eckdaten für deinen Besuch
Dieser Artikel ist ein persönlicher Reisebericht und bleibt im Ton bewusst erzählerisch. Für alle, die Wae Rebo heute planen, gibt es vorab die wichtigsten praktischen Punkte kurz zusammengefasst.
- Wo liegt Wae Rebo? In den Bergen von Flores, Indonesien, in der Region Manggarai. Auf Google Maps ist es als Waerebo Traditional Village bzw. Waerebo Village auffindbar.
- Anreise: Meist über Labuan Bajo oder Ruteng bis in die Gegend von Denge bzw. zum Startpunkt der Wanderung. Rechnet mit mehreren Stunden Fahrt und prüft Straßenzustand, Wetter und Transport aktuell.
- Wanderung: Je nach Fitness, Wetter und Startpunkt ca. 2 bis 3 Stunden bergauf. Bei Regen kann der Weg deutlich anstrengender werden.
- Übernachtung: Möglich im traditionellen Haus, aber nur organisiert und nach den lokalen Regeln. Vorab klären, ob Anmeldung, Guide oder Vermittlung nötig ist.
- Kosten: Aktuelle Anbieter- und Reisequellen nennen grob ca. 325.000 bis 350.000 IDR pro Person für Übernachtung/Mahlzeiten, teils kommen Zeremonie, Guide, Transport oder Tourpakete dazu. Bitte immer aktuell prüfen, weil Preise und Inklusivleistungen schwanken.
- Was mitnehmen? Wasser, Stirnlampe/Taschenlampe, warme Schicht, Regenzeug, gute Schuhe, Powerbank, Bargeld und Respekt für einfache Bedingungen.
- Respekt vor Ort: Nicht ungefragt fotografieren, nicht einfach in Häuser laufen, Begrüßungsritual beachten und Wae Rebo nicht wie eine Kulisse behandeln.
- Google Maps: Wae Rebo auf Google Maps öffnen.
Reisebericht: Wae Rebo
Wae Rebo ist ein kleines Dorf in den Bergen von Flores. Wenn man darüber liest, dann wird es beschrieben als ein abgelegenes Stück Erde, nur von einem Punkt am Fuße eines Berges nach einem 3h Hike erreichbar. Kein Telefonempfang und kein warmes Wasser. Genau einer dieser Orte, die ich liebe zu entdecken.
Wir mieteten uns Roller in der Nähe unseres Hostels in Labuan Bajo. Große, gemütliche Roller mit ein paar Pferdestärken. 4 Stunden, wurde uns gesagt, würde die Fahrt dauern, bis wir an jenen Punkt am Fuß des Berges kommen, an dem der Aufstieg möglich ist. Ich weiß nicht, wie dieser Berg heißt, denn obwohl Wae Rebo auf Google Maps irrwitziger Weise eine eingetragene Adresse hat, so habe ich noch keinen Namen zu diesem Berg herausfinden können, der von oben aussieht wie ein vor vielen Jahrtausenden erloschener Vulkan.
Der erste Teil der Fahrt über den ausgebauten Highway war mehr als angenehm. Ein gemütliches Cruisen rein in die Mitte der Insel. Unruhe machte sich erst breit, als wir schon längst eine beschilderte Abzweigung hätten erreichen müssen. Ein Truck, beladen mit winkenden Schulkindern, kam uns entgegen. Wir wendeten und folgten dem fröhlichen Lachen. Und als hätten sie uns den Weg gezeigt, fanden wir auch plötzlich besagte Abzweigung. Wie so oft wurden wir daran erinnert, dass Beschilderungen hier nicht einheitlichen Normen entsprachen und übersichtlich von beiden Seiten der Straße einsehbar sind. Wenn man sich über den Schilderwald der mitteleuropäischen Landschaft ärgert, dann vergisst man doch, dass der entscheidende Hinweis genauso gut auf einem kleinen Holztäfelchen am Wiesenrand notiert sein könnte, aufgestellt von einer bemühten Privatperson oder jemanden der mitgedacht hat. Schildern hier in Südostasien zu folgen, gleicht viel mehr einer Schnitzeljagd, als einer ausgeschilderten Route.

Auf Abwegen
Wir verließen den Highway und wurden alsbald daran erinnert, dass wir uns hier auf einem Abenteuer befinden. Unsere europäischen, weichen Hintern federten die unsanften Stöße des Rollers ab, der sich ächzend über Schlaglöcher, Steine und Schotter dieser provisorischen Straße quälte. Es sah zugleich vielversprechend aus. Wenn wir jetzt schon auf so unwegsamen Gelände unterwegs waren, dann kann das Ziel nicht mehr weit sein. Euphorisch stellten wir fest, dass wir noch unter der von Google angezeigten Zeit die Strecke geschafft hatten. Selten lagen wir so falsch.
Die geschlungene Straße führte uns in ein paar kleine Örtchen, wo die Kinder neugierig stehen blieben, um die wilden Weißen auf ihren überdimensionierten Rollern zu bestaunen. Sogar der ein oder andere Erwachsene hielt in seiner Arbeit inne und schaute uns interessiert an. Das zeigte uns, dass wir uns jetzt wirklich schon weit im Inland befanden und Touristen hier kaum anzutreffen sind. Die Beschilderung lichtete sich und nach einiger Zeit war auch Google Maps weit von den eigentlichen Begebenheiten abgewichen. Sind das jetzt 2 oder 3 Straßen? Links oder Rechts? Google sagt, schräg links, aber das existiert hier nicht… Doch noch waren wir voller Zuversicht. Hier mussten schließlich jeden Tag Touristen vorbei kommen, auf der Suche nach diesem hochgelobten Dorf in den Bergen. So fragten wir die Menschen, die wir am Straßenrand sahen nach dem richtigen Weg. Bei Namen Wae Rebo hellten sich ihre Gesichter auf und sie deuteten freudig in die Richtung, in die wir sowieso fahren wollten. Wir waren also weiterhin richtig.

Was dich nicht umbringt,…
Hunger machte sich breit und wir suchten nach einem kleinen Warung um einzukehren. Doch wir waren so weit ab vom Schuss. Hier schien es nicht genug Menschen zu geben, die von einem Warung Gebrauch machten. Wir fanden eine Frau, die in ihrem Tante Emma Laden Instant-Nudeln und heißes Wasser verkaufte. Sie händigte uns Schüsseln aus, die sie davor grob mit einem Tuch auswischte und ein paar Löffel. Die Zubereitung blieb uns überlassen. Skeptisch sahen wir uns gegenseitig an und beteten, dass das Wasser gekocht hatte und alle Keime abtöten würde. So saßen wir auf einer Bank und am Boden verteilt und stopften uns unsere Suppe rein und machten Witze darüber, dass wir in Wae Rebo nichts außer das Klo sehen würden. Doch der Hunger war größer als die Vorsicht. Nachdem wir fertig waren, sahen wir, wie die Verkäuferin unsere Schüsseln in einem Eimer vorm Haus wieder auswusch und wünschten uns in diesem Moment, wir hätten das nicht gesehen. Aber erstaunlicher Weise ging es tatsächlich niemanden von uns hinterher schlecht.
Die Straße führte auf einen Berg zu und stieg langsam an. Wir mussten es bald geschafft haben. Langsam hatten wir die von Google angegebene Reisezeit auch schon überschritten und es musste einfach dieser Berg sein, den unsere Roller hier stöhnend empor krochen. Die Straße machte eine Biegung und führte wieder bergab. Dann wieder bergauf. Na gut, dann eben dieser nächste Berg. Bergab. Bergauf. Ist es vielleicht…? Bergab. Die Einheimischen deuteten immer noch fröhlich in die Richtung, in die wir gerade fuhren. Und am Horizont konnten wir plötzlich das Meer schimmern sehen. Das Meer? DAS MEER? Warum hatten wir das Meer erreicht? Die Straße führte hinaus ins Flachland und zwischen Feldern hindurch. Kinder liefen uns lachend auf der Straße hinterher. Uns war das Lachen langsam vergangen. Von den besagten 4 Stunden waren wir nun schon 6 unterwegs. Unsere Hintern taten langsam extrem weh vom ewigen Sitzen und den vielen Schlägen. Und es wurde langsam auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Sonne setzte unermüdlich ihren Weg Richtung Horizont fort und wir wussten, dass wir noch einen 3 Stunden Marsch durch den Dschungel vor uns hatten.
Um die Laune noch etwas über dem Siedepunkt zu halten, versuchten wir Lieder zu singen und Witze zu reißen. Doch es wurde langsam stiller, die Mundwinkel gaben der Schwerkraft Stück für Stück nach. Würden wir es heute noch zum Dorf schaffen? Und würden wir uns irgendwo eine Unterkunft suchen müssen, um schließlich am nächsten Morgen den Heimweg anzutreten, ohne jemals das gewünschte Ziel erreicht zu haben? Tapfer fuhren wir weiter, uns an das letzte Tröpfchen Optimismus klammernd.
Wae Rebo wir kommen!
Die Rückspiegel des Rollers klapperten laut im Tackt. Und immer lauter. Bis sich plötzlich einer der Rückspiegel dem Boden zuneigte. Genau in diesem Moment, als wir in ein kleines Fischerdorf einrollten. Und seit Stunden das erste Mal wieder ein Schild sahen „Wae Rebo“.
Wir parkten unsere Roller und inspizierten den Schaden am Rückspiegel. Die Dorfgemeinschaft hatte uns schon entdeckt und ein Mann nährte sich uns. Sein Körpergeruch war sehr intensiv und ich fragte mich, ob er das Meer, das keine 50 Meter weit begann, nie betrat. Doch die Geruchswolke war sehr hilfsbreit, beantwortete unsere Fragen und vermittelte uns mit unserem Spiegel an eine kleine Werkstatt. Wiederholt bat er uns auch an, dass er uns nach War Rebo führen könnte, aber weder ich noch meine Mitreisenden konnten diesen strengen Körpergeruch für längere Zeit ertragen. Wir lehnten höflich ab.
Die Stimmung war angespannt, wir waren nervlich alle ziemlich am Ende. Die Sonne stand schon sehr tief und in 2 Stunden würde sie hinterm Horizont verschwunden sein. Doch wir waren jetzt hier, wir hatten das letzte Stück des Weges gefunden, wir saßen bereits den ganzen Tag auf unseren Rollern und alles tat uns weh. War jetzt wirklich der Zeitpunkt gekommen aufzugeben?
Nein. Nach einer kleinen Motivationsrede schwangen wir uns wieder auf die Roller. Die Stimmung war immer noch angespannt, aber die Hoffnung bald den Wanderweg zum Dorf zu finden, gab uns neue Energie. Die Straßenführung war zum Glück relativ eindeutig und nach einer Strecke, die viel kürzer war, als angegeben, hatten wir eine Baustelle erreicht. Dahinter musste der Eingang liegen. Die Roller holperten und stolperten über die großen Steine der Baustelle und mit Müh und Not kamen wir an. Endlich. Der Wald! Hier müssten jetzt einige Guides warten, wie uns gesagt wurde. Doch… wo sind sie? Ein Blick auf die Uhr verriet uns, dass kein Guide mehr um diese Uhrzeit mit weißen, verrückten Touristen rechnen würde. Wir hatten knappe 2h für eine Strecke, die mit 3h für untrainierte Leute ausgeschrieben war. Und zu den trainierten Menschen zählte ich nun wirklich nicht. Aber irgendwas in mir trieb mich an. Dieser Wille. Dieser Drang das Ziel zu erreichen. Damit sich diese vielen Stunden Rollerfahren und der schmerzende Hintern endlich gelohnt hätten. Wir packten unsere 7 Sachen und stapften los.

Über Stock und Stein
Als schwächstes Glied der Gruppe lief ich eine Weile vorne weg. Denn eine Gruppe ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Mitglied und konditionsbedingt war das nun mal ich. Tapfer kämpfte ich mich im Eiltempo den schmalen Pfad hinauf. Die anderen schweißgebadet, aber in wesentlich besserer Verfassung, hinter mir her. Der Pfad verlief immer wieder für kurze Strecken gerade aus, bis er schließlich wieder steil anstieg. Unermüdlich durch den Dschungel und am Berg entlang. Wir wussten, dass wir erstmal die Spitze erreichen mussten, bis wir schließlich auf der anderen Seite wieder hinunter zum Dorf wandern konnten. Und die Zeit war gegen uns.
Nach einer Weile wechselten wir Reihenfolge. Ich war zwar nicht mehr in der Lage ein Wort zwischen meinen ausgedörrten Lippen hervor zupressen, aber mein Körper hatte noch nicht genug Todessehnsucht, dass ich keine Angst vor Schlangen oder sonstigen Tieren gehabt hätte. Und da ich all meine Energie dazu brauchte, um mich immer weiter im zügigen Tempo diesen Berg hochzutragen, war ich die denkbar schlechteste Vorhut, um giftige Waldbewohner zu erkennen. Was lebte eigentlich in diesen Wäldern? Gab es hier Raubkatzen? Je tiefer wir in den Wald kamen, desto mehr wurde uns bewusst, wie wenig wir von diesen Wäldern und ihren Mitbewohnern wussten. Doch jetzt waren wir schon mitten drin. Es ging nur noch vorwärts.
Am Rand der Kräfte
Das Wasser neigte sich auch dem Ende zu, wir hatten unterschätzt, wie sehr die tropische Hitze einen zusätzlich nochmal zum schwitzen bringen würde. Das Wasser rann uns die Stirn hinab und ich bin mir sicher, dass ich mich noch nie so sehr in meinem Leben angestrengt hatte. Ich konnte nicht reden, nur noch atmen, mir wurde etwas übel und ich hatte Angst, dass sich mein Kreislauf einfach verabschiedete. Aber im Angesicht der immer näher rückenden Dunkelheit durfte ich meinem Körper keine Schwäche erlauben und so ging es irgendwie weiter.
Vor uns brach für einen kurzen Moment der Wald auf und wir konnten über das Land schauen. Wir waren schon sehr weit oben und es konnte nicht mehr lange dauern, bis wir den Rand erreicht hätten. Eine knappe Minute gönnten wir uns eine Verschnaufpause. Doch der Blick in die Landschaft zeigte auch deutlich, dass die Dämmerung bereits unaufhörlich begonnen hatte. Und unter dem dichten Dach des Regenwaldes würde es für uns nochmal schneller dunkler werden. Wir hetzten den Pfad weiter und merkten schließlich bald, dass es langsam bergab ging. Wir mussten über den Rand des Berges gekommen sein!

Entdeckt ihr die Hütten?
Endspurt
Jetzt, bergab laufend, sammelte ich neue Energie. Meine Füße bewegten sich leichter und ich konnte mir sogar ein paar Worte entlocken. Wir bogen um eine Kurve und auch hier eröffnete der dichte Wald uns einen kleinen Blick. Und dort, 2 Hügel weiter, konnte man schemenhaft in der vorangeschrittenen Dunkelheit Hütten erkennen. Wae Rebo! Es existierte! Über diesen freudigen Ausruf meiner Mitwandernden war ich mehr als überrascht. Hatten sie sich wirklich mit mir auf den Weg in den Dschungel begeben, ohne von der Existenz dieses Dorfes überzeugt gewesen zu sein?
Ich lies den Gedanken hinter mir, voll mit Euphorie über das baldige Ende dieser Wanderung. Die Dunkelheit verschluckte langsam auch die letzten Lichtstrahlen und wir packten unsere Handytaschenlampen aus. Das verhinderte das Stolpern, aber es wäre unmöglich gewesen Schlangen unter dem losen Laub im schummrigen Licht unserer Taschenlampen zu erkennen. Wir verschwendeten keine weiteren Gedanken daran und hielten uns nur vor Augen, dass es nur noch 2 Hügel waren und dann wären wir endlich da.
Der Weg wurde ein wenig breiter und links und rechts erschien es, als wären Kaffee-Pflanzen angebaut worden. Plötzlich erfasste der Kegel der Taschenlampe ein paar Augen, die auf uns gerichtet waren. Gab es doch Raubtiere hier? Nach den ersten Schrecksekunden, merkten wir, dass die Augen zu einem Hund gehörten, der uns neugierig anblickte. Wo Hunde sind, kann das Dorf nicht weit sein. Und so war es auch. Keine 100 Meter weiter entdeckten wir eine große Infotafel zu Wae Rebo. Regeln und Verhaltensweisen. Und dass man sich mit dem typischen Instrument des Stammes von Wae Rebo anmelden sollte, bevor man das Dorf betrat. Doch die dort verteilten Baumbusstücke eröffneten uns ihre Gebrauchsweise nicht. Wir probierten uns mit vielen Methoden, schlugen sie gegeneinander und gegen Pfosten und versuchten ihnen einen Ton zu entlocken. Doch vergebens. Irgendwann gaben wir es auf und hofften, dass die Dorfbewohner uns auch so aufnehmen würden – zu später Stunde, ohne Guide und ohne passende Ankündigung. Aber sie würden uns ja wohl kaum wieder wegschicken, zurück in die Dunkelheit, oder?
__________
Wae Rebo: Ankommen, Übernachten und der Rückweg
Wir entdeckten die ersten gepflasterten Steine eines Weges und mit den nächsten paar Schritten waren wir aus dem Dschungel hinaus getreten. Wir mussten ganz nah sein. Ein kleines Haus mit Blechdach war zu erkennen und da, hinter dessen Dach konnten wir die typischen, runden Dächer des traditionellen Wae Rebos sehen. Unsere Schritte beschleunigten sich. Und dann standen wir plötzlich da. Auf dem großen Platz, umringt von den Kegelförmigen Hütten. In der Dunkelheit. Nach nur 1,5 Stunden Wanderung.
Wir erkannten schemenhaft zwei junge Männer im Gras des Platzes sitzen, die uns anschauten. Verdutzt? Wir wussten es nicht. Schließlich deutete der eine zur größten Hütte und stand langsam auf. Er hatte wohl eigentlich schon Feierabend gemacht. Wir wussten, dass man sich in Wae Rebo erst dem Dorfältesten vorstellen musste und dieser befragte die Geister, ob es okay ist die Fremden aufzunehmen. Erst dann würde man uns hier übernachten lassen. Aber Geister waren auch mal Menschen und ich konnte mir nicht vorstellen, dass einer der Geister des Dorfes etwas gegen eine mehr als gute Einkunft hatte. Ein Restzweifel blieb dennoch.
Das Ritual
Der junge Mann deutete uns unsere Schuhe auszuziehen und die Rucksäcke vor der Hütte abzulegen. Schließlich trat der Dorfälteste aus der Hütte und bat uns hinein. Nach einem kurzen Händedruck deutete er uns auf einer Bastmatte Platz zu nehmen. Ehrfürchtig kamen wir seiner Aufforderung nach. Wir befanden uns in einem runden, großen Raum. Die Hütte schien von außen nicht so geräumig, wie sie eigentlich war. In der Mitte der Hütte nahm der Älteste Platz. Hinter ihm war eine Kochstelle und dahinter gingen weitere Räume weg. Wir saßen im Wohn- und Gemeindezimmer, erklärte man uns. Die Räume dahinter gehörten jeweils einer Familie. 8 Familien lebten hier. Alle Familienmitglieder schliefen zusammen im gleichen Raum, ganz nah beieinander. Berührungsängste oder den Wunsch nach Privatsphäre durftest du hier wirklich nicht haben. Über uns, in das Dach der Hütte hinein, waren 7 weitere Stockwerke. Aufenthaltsräume und vor allem aber Speicher von Getreide und anderen Lebensmitteln.
Wir schauten uns mit großen Augen um, wagten nicht zu sprechen, zu eindrucksvoll war diese Umgebung und der alte Mann in der Mitte des Raumes. Der junge Mann kam und sagte uns, dass man eine kleine Aufmerksamkeit geben sollte, die der Dorfälteste den Geistern darlegen könnte. Die Rate für eine Gruppe von 4 Personen war auch schon festgelegt. Die Geister kannten ihr Geschäft.
Danach fragte man uns nach unseren Namen und woher wir kamen. Der junge Mann gab alles in einem leisen Ton dem Dorfältesten wieder und dieser begann nun die Geister zu befragen. Leider ohne Dolmetscher, doch so war es wenigstens ziemlich eindrucksvoll und authentisch. Vielleicht hat er auch nur übers Wetter gesprochen oder darüber aufgeregt, dass sein Lieblings-Verein schlecht abgeschnitten hatte. Wir werden es niemals erfahren. Meine Ohren spitzten sich, als ich unsere Namen und unsere Herkunft hörte. Und aus irgendeinen Grund machte sich dann doch eine gewisse Unruhe in mir breit. Hatte ich doch gerade eben noch hochnäsig überlegt, wovon der Mann wohl gerade sprechen würde, so kam jetzt doch der Gedanke, dass die Geister von Wae Rebo uns vielleicht nicht so wohlgesonnen sein könnten. Was ist, wenn wir doch wieder gehen mussten? Hatten die hier eine Notfall-Hütte für von den Geistern Verstoßenen? Müssten wir in der finsteren Nacht und ohne Wasser wieder den ganzen Weg zurück?
Der alte Mann hörte abrupt das Reden auf und schaute uns an. Unmerklich hielten wir die Luft an. Wie haben die Geister entschieden? Der alte Mann nickte schließlich kaum merklich und der junge Mann huschte zu uns, um uns die freudige Nachricht zu übermitteln: Wir durften bleiben. Und, ergänzte er, hier in Wae Rebo sind wir nicht Dorie aus Deutschland oder Max aus Österreich. Hier in Wae Rebo sind wir alle gleich. Alle Familie. Okay, damit konnte ich leben. Hauptsache ich könne aus meinen stinkenden Klamotten raus und einen Schluck Wasser haben. Egal, ob als Dorie aus Deutschland oder deine Familie.

Hygiene ist Ansichtssache
Wir bedankten uns beim alten Mann und kletterten wieder aus der Hütte. Beeindruckt und auch froh seiner Aura endlich zu entkommen. In der Gegenwart des alten Mannes, hatte man sich kaum Atmen getraut, so eindrucksvoll war seine Ausstrahlung. Vielleicht war ich auch einfach noch außer Atmen, wer weiß das schon genau?
Wir nahmen unsere Schuhe und Rucksäcke und wurden schließlich in die Gästehütte gebracht. Auch diese war von innen viel größer, als sie von außen erschien. Am Rand der Hütte waren im Kreis Bastmatten aufgereiht. Dicht an Dicht. Auch als Gast durftest du hier keine Berührungsängste haben. Aber wir hatten Glück und fanden einen Platz mit ordentlichem Abstand zu den anderen Gästen. Und so bezogen wir unser kleines Lager. Decken und Kopfkissen wurden uns von einem Stapel in der Ecke gegeben und kurz stellten wir uns die Frage, ob und wie oft diese gewaschen werden würden. Wir verdrängten den Gedanken jedoch schnell. Kopfläuse sind schließlich behandelbar.
Unsere Sehnsucht nach einer Dusche verflog relativ schnell, als wir merkten, dass die Dusche hier nur aus einem Mandi (mit Wasser gefüllter Trog) in einem unbeleuchteten Verschlag bestand. Das Wasser war eisig kalt und auch die Außentemperatur hatte stark nachgelassen. Hier inmitten der Berge war von der tropischen Hitze in der Nacht nichts mehr zu spüren. Und so entschieden wir, dass es frische Klamotten und ein Deo auch tun würden. Verlegen grinsten wir uns alle an, als wir merkten, dass keiner uns die Lust verspürt hatte sich eiskaltes Wasser in einem dunklen Verschlag über den Kopf zu gießen und hofften einfach, dass unsere Maßnahmen für die Nasen unserer Mitbewohner reichen würden.
Das Abendessen
Jetzt, nachdem wir ein bisschen runtergekommen und frisch gemacht waren, beäugten wir neugierig den Raum. Neben uns hatte sich ein indonesisches Ehepaar mittleren Alters niedergelassen. Gegenüber war eine weitere Gruppe asiatischer Menschen, vermutlich auch Indonesier, die ein wenig jünger waren. Am rechten Rand erblickten wir die zwei, von uns abgesehen, einzigen Europäer. Ein junges Pärchen. Uns gefiel, dass es viele Asiaten hierher verschlagen hatte und wir nicht nur unter europäischen Touristen waren. Vorsichtig fragten wir das indonesische Paar neben uns, ob es denn schon Abendessen gab. Ich sah uns schon die letzten Müsliriegel aus meinem Rucksack kratzen und hungrig schlafen gehen. Zu unserer großen Erleichterung stand das Abendessen jedoch noch aus.
Wir wurden zu Tisch gerufen, der sich als weitere Bastmatte am Boden entpuppte. Darum herum waren Bastkissen verteilt, auf denen wir Platz nahmen. Mein Hintern rächte sich für die Motorrad-Tortur mit einem unangenehmen Ausschlag, sodass ich mein Essen am liebsten im Liegen eingenommen hätte. Ich balancierte auf der Kante des Kissens und hoffte, dass sich der Ausschlag legte, bis wir die Rückfahrt antreten würden. Zu Essen gab es Reis mit Gemüse und Huhn. Bodenständig. Authentisch. Keiner hatte hier ein 3 Gänge Menü erwartet. Wir futterten fleißig in uns rein und merkten, wie langsam die Lebensgeister zurückkehrten.

Wir und das Universum
Es fühlte sich an, wie spät in der Nacht und doch war es gerade erst 20:00. Wir schlüpften in unsere Pullover und verließen nach dem Essen nochmal die Hütte. Im feuchten Gras in der Mitte des Platzes ließen wir uns fallen und starrten in den aufregend schönen Sternenhimmel. Kaum ein Licht drang aus den Hütten und der Rest der Landschaft war durch die hohen Bergwände ebenfalls von jeder Lichtquelle abgeschottet. Die Milchstraße zog sich mit ihren Milliarden von Sternen quer über den Nachthimmel, immer wieder unterbrochen von der ein oder anderen Sternschnuppe. Die Umrisse der spitzen Hütten drängten sich vor den schillernden Nachthimmel und nur das leise Knattern des Generators störte die Ruhe. Wir lagen dort im Gras und fühlten uns so frei und so klein. Und während wir dort so lagen und das Universum eindrucksvoll auf uns wirken ließen, machte sich die Müdigkeit breit und ich beschloss schlafen zu gehen. Ich war vollauf zufrieden mit mir und der Welt und hatte keine Angst noch etwas zu verpassen. Ich gönnte meinem Körper seine wohlverdiente Auszeit und bettete mich auf meiner Bastmatte. Und schlief. Tief und fest und besser als gedacht.
Wenn die Drohne kräht
Das erste Krähen der Hähne weckte mich schließlich und das wohlvertraute Geräusch einer Drohne sagte mir, dass es wohl schon etwas zu sehen gäbe. Ich war ein bisschen genervt davon, dass man selbst an diesem magischen Ort die fliegenden Kameras nicht weggesteckt lassen konnte und war zugleich etwas neidisch nicht selbst diese unfassbare Landschaft von oben aufnehmen zu können. Dick eingepackt stolperten wir also aus der Hütte und nahmen auf einer kleinen Anhöhe inmitten eines Gemüsegartens Platz. Von hier aus konnten wir beobachten, wie sich die ersten Sonnenstrahlen über den Rand des umliegenden Berges wagten und langsam, Stück für Stück, das Dorf in ein warmes Licht tauchten.
Mein Bedürfnis Zähne zu putzen verhinderte, dass ich die allerschönsten Momente sah und ich ärgere mich bis heute, dass ich mein Hygienebedürfnis vom vorherigen Tag nicht fortgesetzt hatte.
Stück für Stück kamen immer mehr unserer Mit-Schlafenden aus der Hütte gekrochen und bewunderten die Kulisse. Bis zum Frühstück saßen wir noch dort, beobachteten die vorbei spazierenden Glucken mit ihren Küken, bespaßten kleine Dorf-Hunde und spürten, wie die Sonne schnell wärmer wurde und die Luft aufheizte. Aus einigen Hütten stieg langsam Rauch auf, man hatte zu kochen begonnen. Und auch die Dorfbewohner blickten nun immer mehr aus ihren Hütten und beäugten neugierig die Gäste. Es war das kitschigste Dorfidyll, das ich je erlebt hatte. Bis die zweite Drohne aufstieg…

Wae Rebo
Nach dem Frühstück waren wir wieder fit genug, um die Umgebung zu erkunden. Wir schlenderten ein wenig über das Dorf, dessen ganze Ausmaße in der Dunkelheit nicht mehr zu erkennen waren. Den Hauptteil machten die 7 kegelförmigen Hütten mit ihren Reb-Dächern aus, die sich im Halbkreis um einen Platz anordneten. Auf diesem Platz befand sich ein rundes Podest. Uns war nicht ganz klar, wofür es genutzt wurde. Heilig war es und man durfte keine Fotos darauf machen. So viel verstanden wir.
Ein kleiner Pfad führte neben den Hütten vorbei, rein in einen kleinen Bambus-Wald. Am Ende des Pfades befanden sich die Frauen-Duschen. Es waren halbierte Bamubsröhren, die das frische Quellwasser des Berges in 4 kleine Rinnsale leiteten. Leider nicht beheizt. Und ohne Vorhang. Mitten im Wald. Die Männerduschen schienen ähnlich konstruiert, befanden sich jedoch noch tiefer im Wald, sodass wir sie nicht mal mehr sehen konnten. Einstimmig beschlossen wir auch diesmal das Duschen bis zu unserer Rückkehr im Hostel in Labuan Bajo aufzuschieben. Wenn alle dreckig sind, ist es nur halb so schlimm.

Der größten Hütte gegenüberliegend, auf der anderen Seite des Platzes befand sich ein weitläufiger Gemüsegarten. Zwischen Zucchini und Bohnen standen einige Gräber, die wir erst beim zweiten Hinschauen erkannten. Und dann fiel uns auf wie viele es waren. Ich erinnerte mich daran mal gehört zu haben, dass man Leichen nicht in der Nähe von Essen vergraben sollte, da sie Gifte absondern. Dem Gemüse der Einheimischen von Wae Rebo scheint es noch nicht geschadet zu haben. Manchmal macht das Wissen um etwas es erst real.
Wir schlenderten vorbei an den normalen Hütten, diese aus Beton und mit Blechdach. Ohne die Unterstützung der UNESCO und den großzügigen Kosten für die Übernachtung, würde es Wae Rebo heute nicht mehr geben. Zu teuer ist die Instandhaltung der Palmdach-Hütten. Und zu langlebig sind Beton und Blech. Wo es früher viele Dörfer in diesem Stil in den Bergen von Flores gab, steht heute nur noch dieses eine. Und es erzählt bis heute die Geschichte der Einwohner. Doch nicht alle Anwohner des Dorfes können, oder wollen vielleicht auch, in diesen Hütten schlafen. So findet man verstreut zwischen den Beeten und Plantagen überall kleine Steinhäuser.

Langsam stieg der Nebel zwischen den Hütten auf und wir beobachteten die Dorfkinder, wie sie spielten und neugierig die Drohne und deren Besitzer beobachteten. Diese verteilten fleißig Süßigkeiten an die Kinder und wir fragten uns, ob das wirklich eine so gute Idee war. Zum einen gibt es hier keine Müllabfuhr und wir hatten schon hier und da das Plastik verteilt liegen sehen. Wohin auch damit, wenn alles, was die Kinder sonst haben, biologisch abbaubar ist? Zum anderen waren wir uns nicht sicher, ob die Zahnhygiene der Kinder ausreichte, um den vom Zucker genährten Karies zu bekämpfen. Aber wie soll man das fremden Menschen aus einer anderen Kultur beibringen? Wir beschlossen also nichts zu sagen und übergaben die Verantwortung dafür den Dorfbewohnern selbst.
Während wir da so saßen, stellten wir fest, dass wir langsam wieder müde wurden. Der gestrige Tag steckte uns noch in den Knochen. Die Guides kamen ins Dorf und die anderen Gäste packten ihre Sachen, um sich auf den Rückweg zu machen. Da wir keinen Guide hatten, beschlossen wir die Ruhe zu nutzen und legten uns auf unseren jetzt nicht mehr ganz so bequemen Bastmatten nochmal für einen Powernap hin.

Der Rückweg
Der Nebel war immer noch da, doch man konnte erahnen, dass er sich bald lichten würde. Wir lehnten das Mittagessen deswegen dankend ab und begaben uns auf den Rückweg, bevor die Sonne ihre volle Kraft entwickeln konnte. Wir verließen das Dorf mit einem freudigen Gefühl und hatten keine Angst den Rückweg nicht zu schaffen. Wir hatten Zeit. Wir kannten den Weg. Nichts konnte uns noch schockieren. Und tatsächlich lief es sich federleicht in wieder knapp 1,5h den Weg zurück zu unseren Rollern. Wir hatten Wae Rebo gesehen. Und wir leben!
Nachwort:
Der Rückweg fing spannend an, als wir merkten, dass einer der Roller seine Hupe verloren hatte. Wir kehrten also zur Werkstatt vom Vortag zurück, die glücklicherweise eine Hupe parat hatten und wählten nun den anderen Weg um den Berg herum. Die Strecke hier war nicht nur wesentlich schöner – nämlich am Meer entlang – sondern auch wesentlich kürzer. Uns ist immer noch nicht klar, wie man diesen Weg hätte aus der anderen Richtung hätte finden sollen, aber wir kamen tatsächlich in ca. 4h zurück nach Wae Rebo. Es war also möglich.
Die (kalte) Dusche, die wir anschließend im Hostel genossen, war wahrscheinlich die schönste Dusche meines Lebens. Noch nie war ich so dreckig und noch nie so glücklich über fließendes, kaltes Wasser.

____________________________






7 Comments
Wae Rebo – Teil 2 - The Dorie
8 Jahren ago[…] Reisebericht: Wae Rebo – Teil 1 Februar 19, 2019 […]
Rach
8 Jahren agoWow, it looks amazing there!
http://www.rdsobsessions.com
Dorie
8 Jahren agoIt really is an unique island 🙂
Luisa
8 Jahren agoWow, das sieht echt schön aus und ich freue mich auf den nächsten Teil… In diesen östlichen und auch südamerikanischen Ländern hätte ich das wahrscheinlich auch nicht essen wollen. Ich war auch schon oft genug in genau solchen Ländern und nie ist etwas passiert. Außer einmal auf Kuba, aber dort lag es wahrscheinlich eher an den Eiern und als es ausgebrochen ist, war ich auch wieder in Deutschland bzw. auf dem Flug zurück nach Deutschland.
Liebe Grüße
Luisa von https://www.allaboutluisa.com/
Dorie
8 Jahren agoJa, es ist erstaunlich, aber ich habe schon oft mit einem mulmigen Gefühl an solchen Straßenbuden gegessen (Not gedrungen) und nie ist was passiert. Erwischt hat es mich bisher auch meistens nach Restaurantbesuchen.
Danke für deinen lieben Kommentar!
Und kannst du Kuba empfehlen? Da würde ich auch so unglaublich gerne mal hin 🙂
Liebe Grüße!
Nicole Kirchdorfer
8 Jahren agoWahnsinn Dorie. Du bist so mutig!! Ich hätte das nie geschafft, allerdings vermutlich auch gar nicht erst probiert. Meinen höchsten Respekt!
Ganz liebe Grüße aus dem beeindruckten Wiesbaden, Nicole
Dorie
8 Jahren agoVielen Dank, das ist ein Kompliment! 🙂
Ganz liebe Grüße aus Wien!